- Diese Untersuchung von IVI verdeutlicht die Bedeutung von oxidativem Stress und öffnet die Tür zur Nutzung von Eizellen, die derzeit verworfen werden. Sie zeigt, dass eine Supplementierung mit Antioxidantien ihr biologisches Profil dem von natürlich gereiften Eizellen annähern kann.
- Eine weitere Studie zeigt, dass eine Kombination von aus Stammzellen gewonnenen Faktoren in der Lage ist, Schäden bei Eierstöcken mit vorzeitiger Ovarialinsuffizienz teilweise rückgängig zu machen. Dadurch werden deren Funktionalität verbessert und die Anzahl der Eizellen in experimentellen Modellen vervielfacht.
- Parallel dazu haben Forschende ein Hydrogel entwickelt, das die Umgebung des menschlichen Eierstocks nachbildet, eine Plattform, die neue Strategien zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit ermöglichen könnte, insbesondere bei Frauen, die von Erkrankungen oder Behandlungen wie einer Chemotherapie betroffen sind.
LONDON, 8. JULI 2026
In einem Zyklus der In-vitro-Fertilisation (IVF) sind rund 20 % der gewonnenen Eizellen nicht vollständig ausgereift und werden in der klinischen Praxis üblicherweise verworfen. Bei bestimmten Patientinnengruppen – etwa Frauen mit geringer ovarieller Reaktion, Endometriose oder Störungen der Reifung – kann dieser Anteil sogar noch höher liegen, was die Erfolgschancen der Behandlung direkt beeinträchtigt.
Eine von IVI Barcelona geleitete Studie, die auf der 42. Jahrestagung der europäischen Gesellschaft für humane Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) vorgestellt wurde, liefert nun neue Erkenntnisse darüber, warum diese Eizellen beim Versuch, sie im Labor zur Reife zu bringen, schlechtere Ergebnisse zeigen. Besonders wichtig ist dabei, dass sie einen möglichen Weg aufzeigt, um deren Qualität zu verbessern.
Im Mittelpunkt der Arbeit unter der Leitung von Dr. Marga Esbert stand eine eingehende Untersuchung der Unterschiede zwischen im Labor gereiften Eizellen und solchen, die ihre Entwicklung auf natürliche Weise vollenden.
„Jahrelang dachten wir, dass das Problem chromosomal bedingt sein könnte, aber heute wissen wir, dass diese Eizellen genetisch normal sind. Der Unterschied liegt in ihrer inneren Funktionsweise“, erklärt die Spezialistin.
Dank einer Technologie zur Einzelzell-RNA-Sequenzierung – die es ermöglicht, jede Eizelle individuell zu analysieren – konnte das Team beobachten, dass die geretteten Eizellen zwar ein intaktes Reifungsprogramm aufweisen, jedoch spezifische Veränderungen im Zusammenhang mit oxidativem Stress und der mitochondrialen Funktion zeigen.
Mitochondrien spielen eine zentrale Rolle für die Qualität der Eizelle, da sie für die Bereitstellung der Energie verantwortlich sind, die für den Abschluss der Reifung und die Unterstützung der Embryonalentwicklung erforderlich ist.
„Das gesamte Energiepotenzial des künftigen Embryos hängt von der Eizelle ab. Wird dieses Gleichgewicht gestört – sei es durch eine zu geringe oder eine übermäßige Aktivität –, entsteht oxidativer Stress, der ihre Lebensfähigkeit beeinträchtigen kann”, erläutert Dr. Esbert.
Dieses Gleichgewicht wird insbesondere während der Reifung im Labor beeinträchtigt, da die Eizelle dort die natürliche Unterstützung durch die sie im Eierstock umgebenden Zellen verliert, die zur Regulierung dieses Milieus beitragen.
Antioxidantien – ein Schlüsselfaktor für die Optimierung der Eizellqualität
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurde in der Studie untersucht, ob eine Supplementierung mit Antioxidantien dazu beitragen könnte, die natürlichen Bedingungen im Eierstock besser nachzubilden.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Zugabe eines Antioxidantien-Cocktails zum Kulturmedium die Genexpression der Eizellen beeinflusst und sie derjenigen natürlich gereifter Eizellen annähern kann. Dies könnte unmittelbare Auswirkungen für Patientinnen haben, insbesondere in Fällen, in denen jede Eizelle zählt.
„Wir haben festgestellt, dass die geretteten Eizellen nicht von Natur aus defekt sind, sondern bessere Bedingungen benötigen, um ihr Potenzial zu entfalten. Antioxidantien scheinen dazu beizutragen, einen Teil dieses Gleichgewichts wiederherzustellen. Für uns bedeutete die Verwerfung unreifer Eizellen immer auch eine verpasste Chance. Wenn es uns gelingt, ihre Qualität zu verbessern, könnten wir die Zahl der verfügbaren Embryonen und damit auch die Chancen auf eine Schwangerschaft erhöhen“, erklärt Dr. Esbert.
Von besonderer Bedeutung könnte dieser Ansatz für Patientinnen mit geringer ovarieller Reaktion, für Frauen, die sich nicht mehreren Behandlungszyklen unterziehen können, oder für Krebspatientinnen sein, bei denen es notwendig ist, die Fruchtbarkeit vor Beginn einer Behandlung zu erhalten.
Obwohl die Ergebnisse auf molekularer Ebene vielversprechend sind, besteht die nächste Herausforderung darin, ihren tatsächlichen klinischen Nutzen nachzuweisen.
„Als nächster Schritt wird untersucht, ob sich diese Verbesserungen in höheren Befruchtungsraten, einer besseren Embryonalentwicklung und höheren Schwangerschaftsraten niederschlagen. Sollte sich dies bestätigen, könnte sich die Art und Weise, wie wir unreife Eizellen in der IVF behandeln, grundlegend verändern”, stellt sie abschließend fest.
Neue Strategien zur Wiederherstellung der Ovarialfunktion
In diesem Zusammenhang befassen sich weitere auf dem ESHRE-Kongress vorgestellte Arbeiten mit dem Problem aus ergänzenden Perspektiven, mit dem gemeinsamen Ziel, die ovarielle Funktion wiederherzustellen.
Zum einen deutet eine von Dr. Sonia Herraiz (IVI Foundation) geleitete Studie auf einen möglichen Ansatz hin, um Schäden an den Eierstöcken bei vorzeitiger Ovarialinsuffizienz teilweise rückgängig zu machen. Auf Basis der molekularen Analyse von Ovarialgewebe haben die Forschenden beobachtet, dass eine Kombination von aus Stammzellen gewonnenen Wachstumsfaktoren – darunter Thrombospondin-1, KITLG und FGF2 – in der Lage ist, zentrale mit dieser Erkrankung verbundene Veränderungen zu korrigieren, die von zellulärem Stress bis hin zum Stoffwechsel oder der Struktur des Gewebes selbst reichen.
In experimentellen Modellen verbessert dieser Ansatz nicht nur die ovarielle Funktion, sondern erhöht auch signifikant die Anzahl der gewonnenen Eizellen.
„Diese Ergebnisse untermauern die Annahme, dass das molekulare Umfeld des Eierstocks entscheidend ist und – noch wichtiger – dass es moduliert werden kann. Mittelfristig könnte dies neue Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen mit vorzeitigem Ovarialversagen eröffnen, die derzeit nur sehr begrenzte Optionen haben“, erklärt Dr. Herraiz.
Rekonstruktion des ovariellen Umfelds zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit
Parallel dazu konzentriert sich eine weitere, von Dr. Irene Cervelló (IVI Foundation) koordinierte Arbeit auf eine ebenso zentrale Herausforderung: die Rekonstruktion im Labor eines möglichst realitätsnahen Modells des menschlichen ovariellen Mikromilieus. Zu diesem Zweck hat das Forschungsteam ein Hydrogel aus behandeltem menschlichem Eierstockgewebe entwickelt, das mit Alginat kombiniert wurde und sowohl die Struktur als auch die biochemischen Signale des Eierstocks nachbilden kann.
Das Ergebnis ist eine funktionelle dreidimensionale Plattform, die wesentliche Bestandteile des Eierstocks – wie Kollagen oder Laminin – bewahrt und gleichzeitig die notwendige Stabilität für zukünftige klinische Anwendungen bietet.
„Der große Fortschritt bestand darin, ein Gleichgewicht zwischen biologischer Realitätstreue und technischer Machbarkeit zu erreichen. Über eine Umgebung zu verfügen, die den Eierstock nachahmt, eröffnet die Möglichkeit, dessen Funktionsweise besser zu erforschen und künftig neue Strategien zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit zu entwickeln”, erklärt die Forscherin.
Insgesamt spiegeln diese Studien eine Neuausrichtung in der Reproduktionsmedizin wider: Im Mittelpunkt steht nicht mehr allein die Gewinnung von Eizellen, sondern auch der Erhalt, die Wiederherstellung oder sogar die Rekonstruktion der Bedingungen, die ihre Funktionsfähigkeit ermöglichen. Langfristig könnte dies zu wirksameren Behandlungen und neuen Chancen für Frauen mit komplexen Fertilitätsproblemen führen.
Über IVI RMA Global
IVI wurde 1990 als die erste medizinische Einrichtung in Spanien gegründet, die vollständig auf menschliche Reproduktion spezialisiert ist. Seitdem hat das Unternehmen dank kontinuierlicher Innovation und der Anwendung modernster Behandlungsmethoden der assistierten Reproduktion zur Geburt von mehr als 250.000 Kindern beigetragen.
Sie zählt zu den europäischen Zentren mit den höchsten Schwangerschaftsraten; tatsächlich erreichen die meisten Paare, die sich aufgrund von Unfruchtbarkeit an IVI wenden, ihr Ziel. Darüber hinaus verfügt das Unternehmen über ein Team von mehr als 2.500 Fachkräften, darunter einige der weltweit führenden Spezialisten für assistierte Reproduktion.
IVI gehört zur Gruppe IVI RMA Global, die in 15 Ländern vertreten ist. Neben Spanien unterhält sie Kliniken in Portugal, Italien, Tschechien, den nordischen Ländern, dem Vereinigten Königreich, den USA, Kanada, Panama, Brasilien und Chile: https://ivi-fruchtbarkeit.de/